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Praktische Lösungsansätze in Krisenzeiten – eine erste Zwischenbilanz

Bereits vor rund drei Monaten, mitten im Lockdown, informierten wir unsere Leserinnen und Leser sowie alle Unterstützerinnen und Unterstützer ausführlich darüber, was für komplexe Auswirkungen die dreifache Krise betreffend COVID-19, Klimawandel und Heuschreckeninvasion für die Menschen – und insbesondere für Mädchen und Frauen – in Äthiopien bedeutet.

Durch Ihre Unterstützung konnte der Verein Talem zusammen mit der Jugendorganisation YWCA von Äthiopien 105 Familien, d.h. rund 700 Personen, durch Nahrungsmittelnothilfe gezielt unterstützen. Dank der grosszügigen Spenden gelang es zudem, extrem verletzliche Personen, wie gewaltsam deportierte Rückkehrerinnen aus Katar und dem Libanon, im Bereich der „reproduktiven Gesundheit“ * Hilfestellung zu bieten. Den Frauen, die sich in Quarantäne befanden, wurden auf Bitten des Ministeriums für Frauen und Kinder sanitäre Hygienematerialien zur Verfügung gestellt.

Die Hilfe kam zum richtigen Zeitpunkt. Die Pandemie nahm vor allem in der Hauptstadt Addis Abeba in alarmierender Geschwindigkeit zu. Bereits im Juni wurden gemeinsam mit den Koordinatoren der Jugendprogramme und mit Hilfe von Freiwilligen die ersten Lebensmittelspenden überreicht. Die Anwesenheit wichtiger Interessenvertreter der Regierung bescherte unserem Engagement mehr Medienpräsenz als erwartet. So waren auch lokale TV-Sender vor Ort. In einem TV-Interview mit der Vertreterin des Women’s Affair Bureau des Distrikts Arada, dankte die Beauftragte dem YWCA für dessen grosses Engagement. Im zur Hauptstadt Addis Abeba gehörenden Distrikt leben vor allem Menschen aus der einkommensschwächsten Gruppe, welche die Spenden mit Freude annahmen. Sie erwähnte, dass im Distrikt Arada etwa 16’000 Haushalte, d.h. ca. 50’000 Menschen, als am stärksten gefährdet identifiziert wurden. Sie zu unterstützen hatte die höchste Dringlichkeit. In Anbetracht der immer noch stark steigenden Infektionsrate bei der Pandemie, plädierte die Beauftragte für eine verstärkte gemeinsame Unterstützung durch alle Beteiligten aus dem Privatsektor, andere Nichtregierungsorganisationen (NGO’s) und Spenderorganisationen. Sie dankte dem YWCA von Äthiopien im Namen der Bezirksregierung Arada und forderte andere Gruppen der Zivilgesellschaft auf, dem Beispiel des YWCA zu folgen und für die bedürftige Gemeinde zu spenden und ganz praktisch zu helfen Eine interviewte schwangere Frau bedankte sich und sagte: „Ich befand mich in einer tiefen Krise. Ich bettelte auf der Strasse, um zu überleben. Mein Mann hat mich verlassen, und ich lebe allein und hatte nichts mehr zu essen. Ich bin dankbar für die Unterstützung“.

Die Schwere und Komplexität der COVID-19-Krise führte in vielen Ländern der Welt auch zu einer Zunahme der Fälle häuslicher und sexueller Gewalt, auch bekannt als geschlechtsspezifische Gewalt (GBV), sowie der Gewalt gegen Kinder. Die Auswirkungen der Pandemie haben hierfür gefährliche treibende Faktoren geschaffen: Die finanzielle Not aufgrund von Bewegungseinschränkungen und Ausgangssperren, die den Lebensunterhalt beeinträchtigen einerseits, andrerseits die häusliche Enge, die unter erhöhtem Stress, Unsicherheit und Angst ein erschwertes  Umfeld schafft,  das zu überstürzter Gewalt führen kann.

Solche und ähnliche Auswirkungen zeigen sich auch in Äthiopien. Am Tag der Nahrungsmittelverteilung durch den YWCA berichtete eine Regierungsbeamtin des Amtes für Frauen- und Kinderangelegenheiten, dass allein in den zwei Monaten des Lockdowns über 100 Vergewaltigungsfälle von Kindern der Polizei oder in Krankenhäusern gemeldet worden waren. Diese seien zu Hause von nahen Familienangehörigen verübt worden. Sie erklärte weiter, dass es sich bei dieser Zahl nur um eine offizielle Zahl handle und dass die Dunkelziffer wohl weit höher sei.

Aus Angst vor Stigmatisierung und Diskriminierung würden die meisten Fälle nicht gemeldet, einerseits aus Furcht vor den Peinigern, welche meist enge Familienangehörige, oft auch die Väter der betroffenen Kinder seien. Andererseits auch, weil man die Peiniger schonen möchte um damit die Familienehre zu wahren, denn Vergewaltigungsfälle von nahen Familienangehörigen, einschließlich Vätern, ist ein Tabu.

Die neu eingesetzte nationale Generalsekretärin des YWCA von Äthiopien, Dehab Mustafa, sagte, dass die Organisation derzeit an einer Studie arbeite, welche die Auswirkungen von COVID -19 auf die sexuelle und reproduktive Gesundheit junger Frauen untersucht. Zudem werde dem Thema der häuslichen Gewalt in der Studie ein besonderes Augenmerk geschenkt. Auch die Auswirkungen auf Beruf und Arbeit werden unter die Lupe genommen. Ziel der Studie ist es, in Zukunft noch mehr evidenzbasierte Interventionen durchführen zu können. Dehab Mustafa dankt Talem Coffee von Herzen für dessen Unterstützung. Eine ältere Frau fügte im Fernsehinterview in gewohnt äthiopischer Weise ihren Dank und Segen hinzu:

„Ich bin dankbar, möge Gott meine Helfer mit guter Gesundheit und langem Leben belohnen. Ich bete zu Gott, dass er Äthiopien und seine Kinder beschützt“.

Nachstehend einige Zeugnisse: (Bilder mit Text)

Herzlichen Dank all unseren Spenderinnen und Spendern und Ihnen allen, die Sie auf unsere Bitte reagiert und uns in vielfältiger Form unterstützt haben.

*“Reproduktive Gesundheit“ steht für den Ansatz, dass das Recht auf Selbstbestimmung, körperliche Unversehrtheit und Nichtdiskriminierung im Zentrum steht. Der Zugang zu medizinischer Betreuung und Beratung in Sachen Familienplanung und Sexualität ist ein Menschenrecht und gilt für alle gleichermassen.

In Anbetracht dessen ist unsere Hilfe nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Der YWCA Äthiopien konnte mit dem Beitrag seiner Mitglieder und TALEM einen Monat lang Nahrungsmittelhilfe leisten. Wir wünschten uns, dass wir ein Vieles mehr tun könnten. #HelpUsHelpOthers